Ein Genie - trotz wunden Hinterteils

Mozart auf Reisen - Mozart in Schnaittach. Persönlich hat es das musikalische Genie nicht an den Fuß des Rothenbergs verschlagen. Zu seinem 250. Geburtstag lud jedoch der "Fränkische Sommer" zu einem Konzert in die ehemalige Synagoge im Jüdischen Museum Schnaittach, bei dem die Besucher in die Welt von Mozarts Reisen mitgenommen wurden.
 
"Wolferl" war oft unterwegs, was für das 18. Jahrhundert eine durchaus respektable Leistung war, hielten die Straßen doch oft nur Schlaglöcher, Schlamm und Schmutz bereit. So kamen die Reisenden in den Kutschen nur langsam und auf engstem Raum zusammengepfercht voran. An Schlaf war nicht zu denken und man hatte alle Hände voll damit zu tun, die Unbill der Fahrt in Grenzen zu halten.

Ein Brief Mozarts über eine Kutschfahrt von 1780, den Wolfgang Riedelbauch beim Konzert präsentierte, sprach Bände über diese Umstände: "Die Sitze hart wie Stein" oder "Der Wagen stößt einem die Seele aus dem Leib" - anschauliche Bilder der Strapazen. Ins Schmunzeln kam man bei der Schilderung, wie der Komponist die Schmerzen, die sein Hinterteil erlitt, zu lindern suchte: Mit beiden Händen abgestützt, drückte er sich in die Höhe, um den von dem steten Gerumpel schon wunden Allerwertesten über den harten Sitzen schweben zu lassen ...

Die Reisetätigkeit Mozarts begann bereits in seinen Kinderjahren, als er und seine Schwester, das "Nannerl", vom Vater Leopold Mozart mit auf Tour genommen wurden. Leopold präsentierte der europäischen Musikwelt das erstaunliche Talent seiner Kinder - von "Wunderkind-Touren" spricht man daher. In späteren Jahren reiste Wolfgang Amadeus häufig, um an Aufträge zu kommen: Von Salzburg nach Wien, nach Prag, nach Potsdam und Berlin. Am Ziel angekommen, entstanden neue Werke, oft einfach deshalb, um sein Können zu präsentieren, um potenzielle Förderer oder Auftraggeber zu beeindrucken oder um anderen Musikern eine Hommage zu machen.

Dieser "Reise-Teil" des Mozart’schen Lebens stand im Mittelpunkt des Schnaittacher Konzerts. Die Pianistin Rebecca Maurer, gebürtige Nürnbergerin und nach eigenen Worten "im Schatten des Glatzensteins" aufgewachsen, teilte sich die Reiseleitung mit Wolfgang Riedelbauch. Als Intendant der Konzertreihe des "Fränkischen Sommers" bewies er auch 2006 - wie stets - ein feines Gespür für stimmige Konzert-Orte, auch in Schnaittach.

Die ehemalige Synagoge bot zum wiederholten Mal den intimen Rahmen für die Musik. Schnaittachs Altbürgermeister und Bezirksrat Klaus Hähnlein und Museumsleiterin Daniela Eisenstein drückten ihre Freude über das Gastspiel des "Fränkischen Sommers" aus. Rebecca Maurer erwies sich nicht nur als unterhaltsame Erzählerin über Mozart und seine Zeit, sondern auch als fundierte Musikwissenschaftlerin. Als Mitarbeiterin am neuen Köchel-Verzeichnis gewährte sie zudem interessanten Einblick in die wissenschaftliche Forschung, die immer noch zu neuen Erkenntnissen zu gelangen vermag.

Natürlich faszinierten nicht nur die mündlichen Kommentare Rebecca Maurers, sondern noch viel mehr die Musik: In müheloser Virtuosität beherrschte sie das Hammerklavier, Nachbau eines Instruments des Wieners Anton Walter von um 1790. Anders als beim heute geläufigen Flügel sind dabei die Hämmerchen, die die Saiten anschlagen, nicht mit Filz, sondern mit Leder überzogen, was einen anderen, an Obertönen reicheren Klang ermöglicht. Die Stücke, die Rebecca Maurer präsentierte, waren klug ausgewählt, um ein Panorama von Mozarts Reise-Welt zu beschreiben: Das Allegro in C-Dur, mit dem sie den Reigen eröffnete, barst förmlich über vor Entdeckungsfreude und der Lust auf neue Entdeckungen - ein Werk des siebenjährigen Mozart, in Brüssel niedergeschrieben.

Ein wichtiges Gesprächsthema in der Pause war offenbar das Kleid Rebecca Maurers, was sie dazu veranlasste, auch zu diesem Thema Stellung zu nehmen: Extra maßgeschneidert, schillerte es in Grün- und Rottönen, angelehnt an den Empire-Stil des späten 18. Jahrhunderts, also passend in die Entstehungszeit der Musik. "Es spielt sich damit gleich ganz anders", meinte die Pianistin; die Zuhörer nickten zustimmend.

Zur Gehör kam auch Johann Christian Bach, jüngster der Söhne des Thomaskantors und Mozart trotz des Altersunterschiedes von über 20 Jahren freundschaftlich verbunden. Maurer zeigte bei Bachs Sonate in D-Dur die Klangmöglichkeiten des Instrumentes deutlich auf, von der Aufgeregtheit des ersten Satzes über die gedämpfte Klangfülle des folgenden Andante bis zur Verspieltheit des abschließenden Menuetts. Schließlich folgten zwei Variationsreihen, die Mozart als Hommage an andere Musiker verfasste, etwa Variationen über ein Menuett des preußischen Hofmusikers Jean Pierre Duport. Mozart versuchte, über Duport zu König Friedrich Wilhelm II. vorgelassen zu werden, und huldigte dem Musiker, indem er eines seiner Themen bearbeitete. Gerade die Duport-Variationen zeigten erneut die Meisterschaft Rebecca Maurers auf dem Hammerklavier und so spendeten die vollauf zufriedenen Zuschauer begeisterten Applaus.

Dieser steigerte sich noch mehr nach der Zugabe, zu der Wolfgang Riedelbauch, der Rebecca Maurers Erzählungen bislang mit Passagen aus Mozarts Briefen oder Tagebüchern gekonnt gewürzt hatte, neben der Pianistin Platz nahm: Beide erfreuten das Publikum nun mit der Darbietung der Sonate zu vier Händen in C-Dur, Köchel-Verzeichnis 19d, die vermutlich einst von "Wolferl" und "Nannerl" dargeboten worden war - ein wunderbarer Abschluss.

Martin Schieber
5.9.2006 17:02 MEZ

Pegnitz Zeitung, 5. September 2006